BERLINER MORGENPOST (February 8, 2009)
By Von Eberhard von Elterlein

Die Hölle ist eine Reihenhaussiedlung
Für manchen mag ein Ikea-Katalog die wahre Hölle sein. Der elfjährige Sebastian (Sebastian Eklund) lebt quasi in einem solchen: in einer schwedischen Reihenhaussiedlung. Die Hecken sind ordentlich, die Häuschen aus hellem Holz und rotem Klinker, die Wege gerade.
Es ist Mittsommer, und von den Terrassen plätschert Gerede in die Nacht, die nicht dunkel wird.

David Lynch hätte an solch einem Setting seinen Spaß gehabt. Wo sind sie, die Geister in dieser Idylle, die Nachtmahre und Albträume in dieser Katalogwelt? Nun, Henrik Hallström und Fredrik Wenzel sind nicht David Lynch. Die beiden schwedischen Regisseure zeigen kein "Twin Peaks", sondern nur mit schneidender Schärfe die Sicht eines Jungen auf die Kleinbürger dieser Welt: Wie der Nachbar Anders immer joggt und mit seinen Plänen für eine neue Garage so vorbildlich wirkt, aber bei einer Gartenparty von seinem Vater gedemütigt wird; wie der Gastarbeiter Mischa am Ende der Straße im toten Wasser nach Fischen sucht. Sebastian entgeht einfach nichts, und wie seine Nachbarn beginnt er, sich langsam aus dieser geregelten Welt zurückzuziehen, zurück in die Natur, in die Privatheit.

"Burrowing" ("Sich Vergraben") zerlegt das System der Familie mit präzisem Chirurgenmesser. Der klinisch kalte Blick eines Elfjährigen auf die Welt macht frösteln und staunen zugleich: Mit welcher Präzision die beiden Regisseure in pointierten Szenen das Scheitern von Lebensentwürfen verdichten. Mit welch prägnanter Poesie sie die Beobachtungen des Jungen in Sprache gießen. Und erst recht die Ökonomie, wie man solch eine große Geschichte von totaler Gesellschaftsverweigerung in gerade einmal 76 Minuten erzählen kann. (Colosseum 1, heute, 20 Uhr; Arsenal 1, 10.2., 22.30 Uhr; Cinestar 8, 14.2., 12 Uhr)

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